31. August 2026

Zwischen Überleben und Zeitgeist. Dan Schueftan fordert den Westen heraus

Der israelische Sicherheitsstratege Dan Schueftan sieht Israel in einem grundlegenden Konflikt mit einem westlichen Zeitgeist, der Nation, Selbstverteidigung und militärische Gewalt zunehmend ablehnt. In einem langen Gespräch mit Jonathan Sacerdoti erklärt er, warum Israel diese „modischen“ Annahmen nicht übernehmen kann – und warum aus seiner Sicht Antisemitismus allein die neue Feindseligkeit gegen Israel nicht mehr erklärt.

Wer ist Dan Schueftan?

Dan Schueftan (auch Dan Shiftan) ist einer der bekanntesten israelischen Sicherheitsanalytiker. Er leitet das International Graduate Program in National Security Studies an der Universität Haifa und war von 2008 bis 2018 Direktor des dortigen National Security Studies Center (Universität Haifa / GLOBSEC). Er lehrt am National Defense College der israelischen Streitkräfte und war Gastprofessor an der Georgetown University in Washington (Wikipedia). Seit den 1970er Jahren berät er die israelische Regierung sowie Führungsspitzen von Auswärtigem Amt, Verteidigungsministerium, Militär und Nationalem Sicherheitsrat, darunter die früheren Premierminister Jitzhak Rabin und Ariel Scharon (Wikipedia). International bekannt wurde er unter anderem durch sein 1999 erschienenes Buch Disengagement: Israel and the Palestinian Entity, das als theoretische Grundlage der einseitigen Trennung von den Palästinensern gilt (Wikipedia).

Im deutschsprachigen Raum ist Schueftan seit Jahren als meinungsstarker, oft unbequemer Stratege präsent, etwa in Interviews mit Deutschlandfunk Kultur und Mena-Watch (Deutschlandfunk Kultur; Mena-Watch).

Der Rahmen des Gesprächs

Im Interview mit dem britischen Journalisten Jonathan Sacerdoti („Why Israel rejects Western guilt“, Kanal MrJonsac, 23. August 2026, gut 1 Stunde 26 Minuten) geht es um die Frage, warum Israel und das jüdische Volk in weiten Teilen der Welt einen dramatischen Ansehensverlust erleben – und ob dies nur ein neues Aufflammen alten Antisemitismus ist oder Ausdruck einer tieferen Veränderung im Westen.

Zentrale Thesen

1. Ein Grundkonflikt zwischen westlichem Weltbild und israelischer Wirklichkeit

Schueftans Leitthese lautet: Der zentrale Konflikt bestehe zwischen einer Weltanschauung, die in westlichen Institutionen zunehmend dominant werde, und der Realität, in der Israel überleben müsse. Große Teile des Westens misstrauten inzwischen dem Nationalismus, militärischer Gewalt und sogar der Vorstellung, dass Nationen sich selbst verteidigen müssten. Israelis hätten aus Jom-Kippur-Krieg, Zweiter Intifada und dem 7. Oktober nahezu die gegenteiligen Schlüsse gezogen.

2. Überleben vor Mode

Israel könne es sich nicht leisten, „modische“ westliche Annahmen über Krieg, nationale Identität und Sicherheit zu übernehmen, solange seine Feinde eine existenzielle Bedrohung darstellten. Daraus wachse ein zunehmender Gegensatz zwischen Israel und dem politischen wie kulturellen Zeitgeist jener Gesellschaften, deren Zustimmung Israel früher gesucht habe.

3. Die Lehren des 7. Oktober

Der 7. Oktober habe Israelis nach Schueftans Argumentation wichtige Lehren über Abschreckung, Prävention und den Einsatz von Gewalt erteilt – Lehren, die im Widerspruch zu vorherrschenden westlichen Einstellungen zu Krieg und Militärgewalt stünden.

4. Progressivismus, Universitäten und Menschenrechte

Ein zentraler Erklärungsstrang ist für Schueftan der Progressivismus, der Universitäten, Menschenrechtsaktivismus und die Einstellungen zu Israel verändert habe. Diese Entwicklungen hätten wesentlich zur Entfremdung zwischen Israel und dem westlichen Mainstream sowie zur wachsenden Feindseligkeit gegenüber dem Land beigetragen.

5. Zurückweisung westlicher Schuldzuweisungen

Israelis lehnten westliche Schuldzuweisungen wegen der Palästinenser weitgehend ab, so Schueftan. Sie übernähmen diese Schuldperspektive schlicht nicht – ein Punkt, den der Videotitel „Israel rejects Western guilt“ pointiert aufgreift.

6. Antisemitismus – notwendige, aber unzureichende Erklärung

Antisemitismus allein könne die heutige Explosion antiisraelischer Stimmung nicht erklären. Schueftan hält es für notwendig, zwei Ebenen zu unterscheiden: die Fortsetzung eines alten Antisemitismus einerseits, einen tieferen ideologischen Wandel im Westen andererseits.

7. Modernisierte Blutverleumdung und westliche Medien

Die alte Blutverleumdung erscheine heute in neu verpackter Form. Westliche Medien trügen aus seiner Sicht dazu bei, einige der ältesten Anschuldigungen gegen Juden zu legitimieren. Zudem könne Antisemitismus gleichzeitig sehr unterschiedlichen politischen Lagern dienen – Teile der westlichen Linken und Akteure aus Entwicklungsländern hätten in der Gegnerschaft zu Israel eine gemeinsame Sache gefunden.

8. Internationale Institutionen als Spiegel einer neuen Weltordnung

Der Zustand internationaler Institutionen offenbare, wie sehr sich die globale Ordnung verschiebe. Israels Isolation ist für Schueftan Symptom eines umfassenderen Umbaus westlicher Politik- und Kulturvorstellungen.

9. Krise jüdischen Lebens in Europa – und Fragezeichen für Amerika

Das jüdische Leben in Europa stehe vor einer tiefgreifenden Krise. Offen bleibe die Frage, ob das jüdische Leben in den Vereinigten Staaten in dieselbe Richtung driften werde.

10. Neue politische Allianzen

Bemerkenswert ist Schueftans Beobachtung, dass die moderate politische Rechte Juden inzwischen eine Allianz anbieten könnte, die historisch mit der liberalen Linken verbunden gewesen sei – eine mögliche Neuorientierung inmitten des westlichen politischen Umbruchs.

Fazit

Schueftans Analyse verdichtet sich zu einer unbequemen Doppelbotschaft: Israel wird sich seinem westlichen Umfeld nicht anpassen, weil es das nicht überleben würde – und zugleich verändert sich der Westen so grundlegend, dass das jüdische Leben in Europa in seiner heutigen Form auf dem Spiel stehe. Ob man seiner Diagnose folgt oder nicht: Das Gespräch mit Sacerdoti ist ein pointiertes Plädoyer dafür, die aktuelle Israel-Debatte nicht nur als Konjunktur des Antisemitismus zu lesen, sondern als Symptom eines tieferliegenden zivilisatorischen Umbruchs.

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