1. September 2026

Zwei Pyramiden

Chaim Noll zählt 2,6 Millionen Schüler und freut sich: Die Äteren sind in Israel die Minderheit. Deutschlands Medianalter liegt bei 45 – was hält die israelische Basis breit?

Der Schriftsteller Chaim Noll notiert in seinem Blogeintrag vom 1. September 2026 eine Zahl, die sich alljährlich zum Schuljahresbeginn wie ein demografischer Puls Israels lesen lässt: Über 2,6 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen sechs und achtzehn Jahren gehen in diesem Jahr in Israel wieder oder erstmals zur Schule. Rechnet man, wie Noll es tut, die Kinder von der Geburt bis zum ersten Schuljahr mit rund der Hälfte hinzu, ergibt sich eine Gesamtzahl von deutlich über 3,9 Millionen Israelis unter achtzehn Jahren. Und selbst wenn die 18- bis 30-Jährigen zahlenmäßig etwas schwächer besetzt sind, liegen mehr als sechs Millionen der insgesamt zehn Millionen Israelis unter dreißig – „über 60 % aller Israelis“, wie Noll trocken bemerkt und mit einem Augenzwinkern hinzufügt, dass ihn (Jahrgang 1954) längst zur Minderheit gehörend diese Feststellung nicht traurig mache (Chaim Noll, Blogeintrag „1.9.“).

Tatsächlich meldete das israelische Bildungsministerium zum Schulbeginn 2026/27 rund 2,611 Millionen Schülerinnen und Schüler in etwa 27.757 Einrichtungen; etwa 180.000 Kinder wurden eingeschult, 143.000 traten in die zwölfte Klasse ein (Jerusalem Post, JNS). Wer Nolls Rechnung nachvollzieht, findet sie durch die Daten der zentralen Statistikbehörde bestätigt: Rund 27 % der Bevölkerung Israels sind jünger als 18 Jahre, gut 42 % jünger als 25, und das Medianalter liegt bei etwa 29 Jahren (Israelnetz, populationpyramids.org, Worldometer).

Wer aus Deutschland auf diese Zahlen blickt, reibt sich die Augen. Auch bei uns beginnt das Schuljahr, aber die Kohorten, die morgens zum Bus laufen, werden Jahr für Jahr kleiner. Deshalb lohnt es, Nolls Notiz zum Anlass zu nehmen, die demografische Lage beider Länder nebeneinanderzustellen und nach den Gründen für die auseinanderdriftende Entwicklung zu fragen.

Zwei Bevölkerungspyramiden, zwei Welten

Der schnellste Vergleich läuft über die zusammengefasste Geburtenziffer, jene rechnerische Kinderzahl je Frau, die den Zustand einer Gesellschaft in einer einzigen Ziffer verdichtet. Für Israel schwankt sie seit Jahren um drei Kinder pro Frau; die aktuelle Schätzung liegt bei 2,86 bis 2,89, mit einer Rohgeburtenrate von 18,6 pro tausend Einwohner und einem natürlichen Zuwachs von 13,4 pro tausend (Wikipedia, Demographics of Israel, Macrotrends). Der Taub-Center-Bericht 2025 hält fest, dass die jährliche natürliche Wachstumsrate zwischen 2016 und 2025 zwar von 1,6 % auf 1,3 % gesunken ist – aber ein Wachstum von 1,3 % pro Jahr wäre in Deutschland bereits eine demografische Sensation (Taub Center).

Für Deutschland meldet das Statistische Bundesamt für 2025 eine Geburtenziffer von 1,32 Kindern je Frau – der niedrigste Wert seit 1997 – und die absolute Zahl der Geburten mit rund 654.000 den niedrigsten Stand der letzten Jahrzehnte (Destatis, Geburten, Destatis, Pressemitteilung 146/2026, tagesschau.de). Der Wert liegt damit deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 – und weniger als halb so hoch wie in Israel.

Ein Blick auf die Altersstruktur macht den Unterschied noch anschaulicher.

- Anteil unter 18 Jahren in Israel ca. 27 %, in Deutschland ca. 17 %;
- Anteil 15–24 Jahre in Israel ca. 15 %, in Deutschland 10,0 %;
- Anteil 65 Jahre und älter in Israel ca. 13 %, in Deutschland ca. 23 %;
- Medianalter in Israel ca. 29 Jahre, in Deutschland ca. 45 Jahre.

Quellen: populationpyramids.org, Israelnetz, Destatis, Bevölkerung nach Altersgruppen, Destatis, Anteil junger Menschen, Destatis, Demografischer Wandel, GDV.

Ab etwa 2035 wird nahezu jeder vierte Mensch in Deutschland älter als 67 Jahre sein (bpb).

Warum Israels Bevölkerung so jung bleibt

Israels demografische Ausnahmestellung ist gut untersucht. Bemerkenswert ist zunächst, dass die hohe Geburtenrate keineswegs allein auf das Konto der ultraorthodoxen Charedim geht, deren Total Fertility Rate bei rund 6,45 Kindern liegt (Jewish People Policy Institute). Selbst säkulare jüdische Israelinnen liegen mit rund 2,0 bis 2,2 Kindern über dem Bestandserhaltungsniveau und damit höher als jede Vergleichsgruppe in einem OECD-Land (Taub Center). Der Anstieg der israelischen Geburtenrate in den letzten zwei Jahrzehnten wird vor allem von der säkularen und traditionellen jüdischen Bevölkerung getragen (Taub Center).

Als Ursachen nennen Demographinnen und Sozialwissenschaftler ein Bündel eng verzahnter Faktoren:

- Familismus als Leitkultur. Familie, Ehe und Kinderreichtum gelten schicht- und milieuübergreifend als selbstverständlicher Lebensentwurf; Kinderlosigkeit ist selten eine positiv besetzte Option (Hungarian Conservative, PubMed 27414186).
- Religiöse Prägung. Das biblische „Seid fruchtbar und mehret euch“ (Gen 1,28) ist das erste der 613 Mitzwot und wirkt weit über die orthodoxe Bevölkerung hinaus (Konrad-Adenauer-Stiftung).
- Nationale und historische Motive. Die Erinnerung an die Schoa, die anhaltende Bedrohungslage und die Vorstellung, das jüdische Volk sichere seine Zukunft auch demografisch, wirken als kollektiver pronatalistischer Impuls (Deutschlandfunk).
- Institutionelle Unterstützung. Der Staat finanziert weltweit einzigartig umfangreich Fertilitätsbehandlungen – bis zu zwei Kinder pro Frau werden vollständig übernommen –, zahlt Kinderbeihilfen und stützt große Familien (ScienceDirect, Israelnetz).
- Frühe Familiengründung bei zugleich hoher Frauenerwerbstätigkeit. Anders als in vielen europäischen Ländern schließen sich in Israel Beruf und Familie nicht aus; Großeltern und Netzwerke federn Betreuungslücken ab (PubMed 27414186).
- Kinderreiche Subgesellschaften. Charedim mit 6 bis 7 Kindern und national-religiöse Milieus mit rund 3,9 Kindern erhöhen den Durchschnitt zusätzlich (Jewish People Policy Institute, Israel Democracy Institute).
- Optimismus und dichte soziale Netze. Der Demograph Sergio DellaPergola nennt schlicht „Optimismus und materielle Ressourcen“ als die zwei wesentlichen Triebkräfte (Israelnetz).

Das Ergebnis ist eine Bevölkerungspyramide, die im Wortsinn eine Pyramide bleibt: unten breit, oben schlank.

Warum Deutschland altert und schrumpft

Der deutsche Verlauf ist das genaue Spiegelbild. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, das Statistische Bundesamt und die Bundeszentrale für politische Bildung nennen drei kaum umstrittene Hauptursachen (bpb, RKI, Umweltbundesamt):

- Anhaltend niedriges Geburtenniveau. Seit Ende der 1960er Jahre liegt die Fertilität durchgängig unter 2,1; 2025 waren es 1,32 Kinder je Frau (Destatis). Als Gründe werden verbreitet genannt: höhere Bildungsabschlüsse und späte Familiengründung von Frauen, die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf, veränderte Lebensmodelle mit größerer Vielfalt jenseits klassischer Elternschaft und – aktuell – ökonomische und politische Verunsicherung durch Inflation, Wohnungsknappheit und Krisenwahrnehmung (bpb, tagesschau.de).
- Steigende Lebenserwartung. Neugeborene Jungen des Jahrgangs 1950 hatten in der Bundesrepublik im Schnitt 64,6 Lebensjahre vor sich, um 2020 waren es 78,5; bei Mädchen 83,4 statt 68,5 – ein Zugewinn von rund 14 bis 15 Jahren binnen einer Generation (GDV, Destatis).
- Migrationsbedingter Ausgleich, der schwächer wird. Seit 1972 sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen als geboren werden; nur die im Schnitt jüngere Zuwanderung hat das Geburtendefizit teils ausgeglichen und die Alterung gebremst (GDV, Destatis). Der verjüngende Effekt lässt zuletzt jedoch nach, weil die Nettozuwanderung sinkt (tagesschau.de).

Dazu kommt ein strukturelles Erbe: Die Babyboomer, heute im Erwerbsalter, gehen in den nächsten Jahren in Rente; die nachfolgenden Jahrgänge sind zahlenmäßig zu klein, um diese Lücke zu schließen (Destatis, Demografischer Wandel). Selbst bei hoher Nettozuwanderung schrumpft die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bis Mitte der 2030er Jahre um voraussichtlich rund 3,2 Millionen (Destatis).

Was der Vergleich zeigt

Zwei Länder derselben Weltregion – hoch entwickelte Volkswirtschaften mit gebildeter, urban lebender Bevölkerung – gehen demografisch entgegengesetzte Wege. Der eine Staat schickt am 1. September mehr als jedes vierte Landeskind in die Schule; der andere verzeichnet 2025 die niedrigste Geburtenrate seit fast dreißig Jahren.

Nolls Notiz führt vor Augen, wie eng die scheinbar unpolitische Zahl der Schulanfänger mit Kultur, Religion, Familienbild, staatlicher Förderung und historischer Erfahrung verwoben ist. In Israel wirken pronatalistische Normen quer durch säkulare und religiöse Milieus. In Deutschland dagegen verstärken sinkende Geburtenzahlen, wachsende Lebenserwartung und schwächere Zuwanderung einander. Die Alterung sei „die neue Normalität“, formuliert die Bundeszentrale für politische Bildung nüchtern (bpb).

Nolls letzter Satz – dass es ihn als über Dreißigjährigen nicht traurig mache, in seinem Land zur Minderheit zu gehören – ließe sich in Deutschland kaum spiegelbildlich aussprechen. Denn während in Israel die Älteren umringt sind von Kindern und Jugendlichen, sind sie in Deutschland zunehmend unter sich.

Quelle des Anlasses: Chaim Noll, „1.9.“, Blogeintrag vom 1. September 2026, chaimnoll.blog.

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