26. September 2026

Wo sind die Juden? Zeugen vor dem Lincoln Center

Drinnen läuft ein preisgekrönter Film über Israels Krieg in Gaza. Draußen stehen zwei Nova-Überlebende und der Beduine, der Dutzende vor der Hamas versteckte.

An diesem Samstag, 26. September 2026, feiert in New York der Dokumentarfilm „NAZA“ seine nordamerikanische Premiere. Die Vorführung im Lincoln Center gehört zum Hauptprogramm des New York Film Festival, eine zweite folgt am Sonntag. Vor dem Gebäude wird es an diesem Nachmittag eine zweite Vorführung geben, auf mobilen LED-Leinwänden und ohne Eintrittskarte: Das Israeli-American Council (IAC) zeigt dort unbearbeitetes Filmmaterial vom 7. Oktober 2023, darunter Aufnahmen, die die Terroristen der Hamas selbst gedreht haben.

Der Film und der Streit

„NAZA“ stammt von den israelischen Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor, die im vergangenen Jahr für „No Other Land“ einen Oscar erhielten; produziert hat ihn der britische Guardian. Der Titel geht auf die hebräische Militärabkürzung für „Kollateralschaden“ zurück, nesek agawi. 24 anonyme Soldaten und Nachrichtendienstler, nachts auf Tel Aviver Dächern als Silhouetten gefilmt, berichten darin über KI-gestützte Zielauswahl in Gaza und über Angriffe, die trotz erwarteter hoher ziviler Opferzahlen genehmigt worden seien. Der Film erhielt in Venedig den Spezialpreis der Jury.

Die israelische Armee weist die zentralen Behauptungen zurück. Sie habe nie einen Angriff in Gaza geplant, genehmigt oder ausgeführt, bei dem mit 500 getöteten Zivilisten oder auch nur annähernd so vielen gerechnet worden sei; weder die Identität noch der Dienst oder die Funktion des betreffenden Interviewpartners ließen sich überprüfen. Über Angriffe entschieden Menschen, nicht künstliche Intelligenz, und zwar nach Völkerrecht. Generalstabschef Eyal Zamir ließ rechtliche Schritte gegen den Film prüfen, Kulturminister Miki Zohar forderte, den beiden Regisseuren die Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Yuval Abraham hält dagegen, man habe die Aussagen geprüft und gegengeprüft. Die Anerkennung von Gräueltaten in Gaza schmälere „nicht für einen Moment das abscheuliche Massaker vom 7. Oktober, für das die Hamas verantwortlich ist, über das Soldaten im Film sprechen und das durch nichts zu rechtfertigen ist“. Der Film soll im November kostenlos online zugänglich werden.

Filme haben Editoren

Das IAC setzt dem Film keine Forderung nach Absetzung entgegen, sondern Bilder und Zeugen. Gezeigt werden Ausschnitte aus der Zusammenstellung „October 7: Bearing Witness to the Massacre“ sowie Material, das nach Angaben des IAC den Aussagen des Films widerspricht. Der Leitsatz der Aktion lautet: „Filme haben Editoren. Die Geschichte nicht.“ Und weiter: „Unsere Anwesenheit hier ist die Botschaft: Wir werden nicht zulassen, dass der 7. Oktober aus der Geschichte gelöscht wird.“

Kinos, die „NAZA“ zeigen, sollen die Vorführungen mit Podien verbinden, auf denen Überlebende des 7. Oktober sprechen und Hintergrund und Zusammenhang erläutert werden, so das IAC. „Künstlerische Freiheit und öffentliche Verantwortung sind keine Gegensätze. Kontext ist keine Zensur. Er ist Verantwortung.“

Zur Kundgebung kommen zwei Überlebende des Massakers auf dem Nova-Festival, Rom El-Hai und Shalev Biton, dazu Yunis Alkarnawi, ein israelischer Beduine, der Festivalbesucher gerettet hat.

Fünf Meilen bis zur Farm

Die Geschichte von Shalev Biton und Yunis Alkarnawi gehört zusammen. Biton, damals 25 Jahre alt und aus Arbel im Norden Israels, war nach seinem Armeedienst durch Peru, Kolumbien, Thailand und Australien gereist und erst zwei Wochen vor dem 7. Oktober zurückgekehrt. Aufs Nova-Festival fuhr er, um alte Freunde wiederzusehen. Am Abend des 6. Oktober legte er sich schlafen, um bei Sonnenaufgang weiterzutanzen.

Am Morgen hörten die Feiernden Raketen und Schüsse. Biton saß mit einem Freund im Stau, der sich vom Festivalgelände wegschob, als eine Frau schrie, es seien Terroristen auf Motorrädern unterwegs. Er nahm die Hand seines Freundes und sagte: „Wir müssen rennen.“ Die beiden ließen das Auto stehen und liefen rund fünf Meilen, etwa acht Kilometer, fort von Motorrädern, Schüssen und Schreien, bis zu einer Farm, die sie auf Google Maps gefunden hatten.

Deren Verwalter war Yunis Alkarnawi. Er gab ihnen Wasser, Essen, Ladekabel und einen Platz zum Ausruhen. Im Laufe des Tages trafen weitere Überlebende ein. Biton war vor Erschöpfung eingeschlafen, als Alkarnawi ins Haus stürzte: Terroristen auf Motorrädern kämen näher.

Zusammen mit 24 thailändischen Landarbeitern und sieben weiteren Festivalbesuchern kroch Biton unter ein Haus, das einige Zentimeter über dem Boden stand. Stundenlang lagen sie dort und hörten zu, wie Alkarnawi am Tor mit den Hamas-Terroristen auf Arabisch sprach. Biton verstand nur eine einzige Frage: „Wen el-Jahud?“ – „Wo sind die Juden?“ Alkarnawi antwortete: „Hier gibt es keine Juden.“

„Sein eigenes Leben eingerechnet, hat er 33 Menschen gerettet“, sagte Biton. „Er hat sie überzeugt zu gehen, und irgendwie haben sie ihm geglaubt und sind abgezogen.“ Im Januar 2025 lernten Bitons Eltern den Retter ihres Sohnes in dessen Haus in Rahat kennen.

Erzählen als Pflicht

Seit jenem Tag reist Biton durch Israel und die Welt und erzählt, so in Chicago und Nashville und im norwegischen Stavanger. Erst am vergangenen Mittwoch standen beide gemeinsam auf der Bühne einer Kundgebung gegen Antisemitismus vor dem UN-Hauptquartier in New York, zu der rund tausend Menschen kamen.

„Es ist wie eine Therapie für mich“, sagt Biton. Er schöpfe Kraft aus den Gemeinden, vor denen er spricht, und gebe ihnen Kraft zurück, schon dadurch, dass er nach solchen Schilderungen noch lächeln kann. „Ich werde für immer tanzen. Niemand wird mich davon abhalten, mein Leben zu genießen.“ Warum er jede Einladung annimmt, begründete er so: „Ich muss die Menschen verstehen lassen, was dort geschehen ist, denn es gibt viele, die nach diesem Tag nicht mehr sprechen können. Wenn ich es kann, muss ich es tun.“

Zwei Leinwände

Ich halte diese Form des Widerspruchs für die richtige. Ob die Vorwürfe des Films zutreffen, lässt sich von hier aus nicht entscheiden; die Armee bestreitet sie, die Regisseure bestehen auf ihrer Recherche. Das IAC fordert kein Verbot. Es stellt neben die Leinwand im Saal eine zweite auf der Straße und schickt Menschen, die bezeugen können, womit dieser Krieg begann. Wer über Kollateralschaden spricht, sollte nicht vergessen, dass die Hamas am 7. Oktober keine Kollateralschäden in Kauf nahm. Sie suchte gezielt Juden. „Wo sind die Juden?“ war ihre Frage am Tor von Yunis Alkarnawi.

Dass ein muslimischer Beduine sie mit einer Lüge beantwortete, die Dutzenden das Leben rettete, gehört zu dieser Geschichte. Wer sie erzählt, erzählt nicht gegen Gaza, sondern von Menschen. Kein Film kann sie herausschneiden.

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