27. September 2026

Unter offenem Himmel: Was die Sukka über Schutz und Verletzlichkeit erzählt

Drei Wände, ein Dach aus Zweigen, durch das man die Sterne sieht: Warum ein jüdisches Freudenfest gerade in unsicheren Zeiten so viel über Geborgenheit sagt.

Kaum ist Jom Kippur vorüber, wird gebaut. In Höfen, Gärten und auf Balkonen entstehen in diesen Tagen kleine Hütten aus Holz, Stoff und Zweigen. Mit Sonnenuntergang am Freitag, dem 25. September, hat Sukkot begonnen, das jüdische Laubhüttenfest. Sieben Tage lang verbringen Jüdinnen und Juden so viel Zeit wie möglich in der Sukka, der Laubhütte: Sie essen dort, empfangen Gäste und schlafen manchmal sogar unter ihrem durchlässigen Dach.

Anders als die Hohen Feiertage Rosch HaSchana und Jom Kippur, die im Zeichen von Besinnung und Umkehr stehen, ist Sukkot ein Freudenfest.

Erinnerung an die Wüste

Das Fest erinnert an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und an die Zeit, in der sie in provisorischen Behausungen durch die Wüste zogen. Die Tora gebietet ausdrücklich, in Hütten zu wohnen, „damit eure Nachkommen wissen, dass ich die Kinder Israels in Hütten habe wohnen lassen, als ich sie aus dem Land Ägypten führte“ (3. Mose 23,43). Der Kurator Daniel Laufer des Projekts „Dagesh – Jüdische Kunst im Kontext“ fasst den Kern so zusammen: Man fühle sich in einer ungeschützten Zeit und an einem ungeschützten Ort dennoch vom Ewigen behütet.

Daraus ergeben sich die Regeln für den Bau. Die Hütte muss nicht zwingend aus Laub bestehen, sie braucht aber mindestens drei Wände und ein Dach aus natürlichen Materialien, das so locker gedeckt ist, dass man den Himmel sehen kann. Der Blick auf die Sterne ist dabei die eigentliche Botschaft: Gott schützt besser als jedes Haus aus Stein. Viele schmücken die Sukka mit Obst, Gemüse und bunten Girlanden.

Erntedank und Gebet um Regen

Sukkot ist zugleich ein Erntedankfest. Im zweiten Buch Mose heißt es Chag haAssif, das „Fest des Einsammelns“ (2. Mose 23,16). Die Münchner Judaistin Sophia Schmitt erklärt, man feiere damit das Ende der Herbsternte, direkt danach beginne die neue Aussaat. Deshalb dankt man nicht nur für die Ernte, sondern betet auch um Regen, und zwar von nun an bis Pessach. Sukkot sei sehr stark auf eine Gesellschaft ausgerichtet, in der Dürren ein Problem waren, so Schmitt.

Zum Fest gehört der Feststrauß, der Lulaw. Er besteht aus vier Pflanzenarten, die für die Fruchtbarkeit des Landes Israel stehen: Palmzweig, Myrte, Bachweide und Etrog, eine Zitrusfrucht. Der Strauß wird täglich mit Segenssprüchen geschwenkt, in der Synagoge umrundet man damit das Lesepult. Dass jeder einen eigenen Strauß besitzt, soll zeigen, dass das ganze Volk beteiligt ist. „Es ist wichtig, dass Erinnerung nicht nur gedacht, sondern auch erlebt wird“, sagt Schmitt.

Ursprünglich war Sukkot eines der drei Wallfahrtsfeste zum Tempel in Jerusalem. Diese Tradition endete mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70.

Eine Hütte als Kunstraum

Wie aktuell das Bild von der schützenden und zugleich zerbrechlichen Hütte ist, zeigt derzeit eine Ausstellung im Jüdischen Kulturmuseum Veitshöchheim bei Würzburg. Im Synagogenhof steht ein großer, viereckiger Bau, dessen Wände aus weißen Stoffbahnen mit Motiven aus der Synagoge bestehen, das Dach ist aus Bambus. Mit einer Laubhütte im wörtlichen Sinn hat das wenig zu tun, mit der Idee der Sukka umso mehr.

Die Schau „Der Himmel als Dach | The Sky as a Roof“ nimmt das Laubhüttenfest zum Ausgangspunkt, um über eine krisenhafte Gegenwart nachzudenken: über Fragilität, Schutz und Gemeinschaft. Museumsleiterin und Kuratorin Johanna Weiß beschreibt das Anliegen so: In der Sukka entstehe beim Zusammenkommen ein Gefühl von Gemeinschaft, zugleich erinnere sie daran, dass es sich um eine zerbrechliche Sicherheit in unsicheren Zeiten handle.

Zu sehen sind Arbeiten von sieben Künstlerinnen und Künstlern. Die in Israel geborene Michal Fuchs arbeitet mit einer wandernden Pflanze und fragt nach Entwurzelung und Heimat. Mit Sukkot verbindet sie Kindheitserinnerungen an die Hütte im Hinterhof, in der sie als kleines Kind geschlafen hat, und an gemeinsame Abendessen mit Nachbarn und Freunden. In Deutschland, wo sie seit vielen Jahren lebt, feiere sie das Fest kaum, weil es hier so wenig präsent sei.

Die Ausstellung gehört zur bundesweiten Reihe „Dagesh-Studio on the Road“ und ist bis zum 2. Oktober in Veitshöchheim zu sehen, danach zieht sie weiter.

Jüdisches Landleben in Franken und Schwaben

Der Ort ist mit Bedacht gewählt. Nachdem Jüdinnen und Juden im 17. Jahrhundert aus größeren Städten wie Würzburg vertrieben worden waren, ließen sie sich auf dem Land nieder. Veitshöchheim gilt als typische Landjudengemeinde, und schon im 18. Jahrhundert wurde im heutigen Museumsgebäude Sukkot gefeiert. Bürgermeister Jürgen Götz sieht in der Ausstellung ein wichtiges Zeichen, gerade jetzt, da antisemitische Tendenzen wieder offen zutage treten: Man mache die Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde deutlich und gebe dem Judentum einen sichtbaren Platz in der Öffentlichkeit.

Auch in Bayerisch-Schwaben ist die Tradition lebendig. Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben erklärt Grundschulklassen die jüdischen Feste. Die Kinder malen Laubhütten und basteln Behälter für den Etrog. Frank Schillinger vom Museum wünscht sich, dass die Schüler die jüdischen Feste als Teil Augsburgs wahrnehmen. Die bekannteste Sukka aus der Region steht allerdings nicht mehr in Schwaben, sondern im Israel-Museum in Jerusalem: Die Familie Jakob Deller ließ sie im 19. Jahrhundert in Fischach anfertigen. Innen ist sie mit Ansichten aus Fischach und mit Bildern bemalt, wie man sich damals Jerusalem vorstellte.

Geborgenheit auf Zeit

Vielleicht liegt darin die leise Aktualität dieses Festes. Die Sukka verspricht keine Sicherheit aus Beton. Sie ist offen, vorläufig und verletzlich, und gerade deshalb ein Ort, an dem man zusammenkommt, isst, lacht und dankt. Wer in diesen Tagen unter ihrem Dach aus Zweigen sitzt, sieht den Himmel und weiß sich trotzdem behütet.

Chag Sameach.

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Quelle:

Vincent Poschenrieder: Was eine Laubhütte von unserer krisenhaften Gegenwart erzählt. BR24, 26. September 2026.

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