29. August 2026

Trick gegen Katars Veto: Niedersachsen soll Rafael-Deal retten

Katars Staatsfonds blockiert per Vetorecht die Fertigung von „Iron Dome"-Komponenten bei Volkswagen in Osnabrück. Nun soll der Staat Niedersachsen selbst einspringen, 200 Millionen Euro investieren und direkt mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael abschließen – am Konzern und am katarischen Einwand vorbei.

Deutschland hat offenbar einen Weg gefunden, das Veto des katarischen Staatsfonds gegen die Umrüstung eines Volkswagen-Werks zur Herstellung von Komponenten für das israelische Luftabwehrsystem „Iron Dome“ (Eisenkuppel) zu umgehen. Berichten von Bloomberg und der Bild zufolge soll der Staat Niedersachsen selbst 200 Millionen Euro investieren, Teile des Werks im niedersächsischen Osnabrück übernehmen und direkt mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael abschließen – statt dass Volkswagen selbst als Vertragspartner auftritt. Auf diese Weise würde die katarische Beteiligung an Volkswagen bei diesem konkreten Geschäft keine Mitsprache mehr haben.

Konstruktion des Deals

Kern der Konstruktion ist, dass Niedersachsen, das ebenfalls Anteilseigner von Volkswagen ist, Teile des Werks erwerben und gemeinsam mit Rafael ein Gemeinschaftsunternehmen gründen würde. Volkswagen selbst träte damit nicht als direkter Vertragspartner des israelischen Sicherheitsunternehmens auf, wodurch der Einwand des katarischen Staatsfonds umgangen werden könnte. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies erklärte, man prüfe derzeit, ob und in welcher Form eine Beteiligung an einer künftigen industriellen Lösung für den Standort Osnabrück in Betracht komme. Am Standort gebe es hochmotivierte Beschäftigte mit großem technischem Wissen, auf dessen Grundlage eine wirtschaftlich tragfähige Zukunft geschaffen werden solle. Nach Angaben der Zeitung HAZ könnte der Investitionsumfang Niedersachsens rund 200 Millionen Euro erreichen, wobei auch eine Beteiligung der Bundesregierung nicht ausgeschlossen sei.

Die Verhandlungen befänden sich laut Bild bereits in einem fortgeschrittenen Stadium; eine Vereinbarung mit Rafael könnte bereits im September unterzeichnet werden. Das Thema soll zudem bei der Aufsichtsratssitzung von Volkswagen am 4. September zur Sprache kommen. Geplant ist neben der Fertigung von Komponenten für das „Iron Dome“-System auch die Produktion von schweren Lastwagen zum Raketentransport, Abschussvorrichtungen und Generatoren. Die Raketen selbst sowie die Kernkomponenten der Abwehrsysteme sollen dabei weiterhin in Israel hergestellt und erst anschließend auf die in Deutschland gebauten Militärlastwagen montiert werden. Die Systeme sollen zudem Teil des European Sky Shield Initiative werden, eines von Deutschland geführten, mit der NATO koordinierten Luftverteidigungsprojekts, das 2022 vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz initiiert wurde.

Ein Werk vor der Schließung

Im Zentrum des Vorhabens steht das Werk Osnabrück, das rund 2.300 Beschäftigte zählt und ursprünglich 2023 seine Schließung befürchten musste. Im kommenden Jahr soll dort die Produktion der Cabriolet-Version des VW T-Roc enden; das Unternehmen hatte bereits mit dem Betriebsrat vereinbart, alternative Nutzungen für das Werk zu prüfen. Bislang wurden am Standort lediglich einzelne Prototypen militärischer Fahrzeuge gefertigt; die Kooperation mit Rafael würde das Werk erstmals zu einem Standort für die seriale Rüstungsproduktion machen. Statt den ursprünglich für 2023 vorgesehenen Stellenabbau hatten die Beschäftigten die Aussicht erhalten, ihre Arbeitsplätze durch den Umstieg auf die Fertigung von Komponenten für „Iron Dome“-Systeme zu sichern.

Widerstand von zwei Seiten

Gegen diese Lösung gab es zwei Arten von Widerstand. Zum einen protestierten Friedensaktivisten und linke Parteien mit dem Argument, Volkswagen müsse sich auf zivile Produktion beschränken, selbst wenn dies Tausende deutsche Arbeitsplätze koste; die Proteste seien gewaltsamer geworden, nachdem bekannt wurde, dass es sich um ein Geschäft mit einem israelischen Unternehmen handle. Linke Parteien und Aktivisten des linken Randes erklärten laut Bericht, es handle sich um ein Geschäft, das die deutsche Öffentlichkeit angesichts der militärischen Aktivität der Regierung Netanyahu im gesamten Nahen Osten nicht hinnehmen könne.

Das zweite und eigentliche Hindernis war der Widerstand des katarischen Staatsfonds QIA, der 17 Prozent der Stimmrechte und 10,4 Prozent des gesamten Aktienkapitals von Volkswagen hält und damit drittgrößter Anteilseigner des Konzerns ist. Katar habe die Entscheidung blockiert, weil das vorgesehene Produktionsunternehmen israelisch ist. Laut Bild betraf der katarische Einwand konkret die Vereinbarung, nach der Rafael das VW-Werk in Osnabrück für sicherheitsbezogene Fertigung nutzen sollte.

In Deutschland löste dieser Schritt scharfe Kritik von Bürgern und öffentlichen Personen aus, die argumentierten, Katar nutze die angespannte wirtschaftliche Lage des Landes und speziell von Volkswagen aus, um Einfluss auf die deutsche Außenpolitik, insbesondere gegenüber dem Nahen Osten, zu nehmen. Kritisiert wurde zudem, dass Katar, das über Jahre Milliarden zur Stärkung der Hamas beigetragen habe, seinen Reichtum nun einsetze, um Israel die Produktion von Systemen zu verhindern, die dem Land gegen Angriffe der als Terrororganisation eingestuften Hamas helfen könnten.

Vertreter des deutschen Wirtschaftsministeriums und des Auswärtigen Amts in Berlin führten Gespräche, um die Haltung der katarischen Investoren zu ändern. Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag und als politischer Berater von Bundeskanzler Friedrich Merz geltend, rief dazu auf, sämtliche Kontaktkanäle zu Israel und Katar zu nutzen. Man solle „alle Gesprächskanäle mit Israel und mit Katar nutzen, um den katarischen Investmentfonds zur Aufhebung des Vetos zu bewegen und zugleich Israel davon zu überzeugen, den Produktionsstandort Osnabrück zu wählen“, sagte Hardt gegenüber der Bild. Die Fertigung von „Iron Dome“-Komponenten in Osnabrück wäre demnach nicht nur ein Erfolg für die Volkswagen-Beschäftigten, sondern könnte auch eine Tür zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Israel und Katar öffnen.

Weiterer Kontext

Der Vorgang fällt in eine Zeit anhaltender Krise der deutschen Automobilindustrie sowie wachsender Nachfrage in Deutschland nach eigener Waffen- und Munitionsproduktion für Inlandsbedarf und Export. Erst in dieser Woche war aus der Konzernzentrale durchgesickert, dass Volkswagen beabsichtige, 50.000 Stellen abzubauen – etwa die Hälfte davon in Deutschland.

Quellen

Ynet, „Von Israel gelernt? Der Kombinationstrick, der Katar umgeht, um Iron-Dome-Komponenten in Deutschland zu produzieren“ (Lamdu me-ha-Yisra’elim? ha-Kombina she-ta’akof et Katar ke-dei le-yatzer rechivei Kipat Barzel be-Germania), Ze’ev Avrahami, 29.08.2026.

Maariv, „Katar im Schock: Israels Vorhaben, ein Iron-Dome-Werk in Deutschland zu errichten“ (Katar be-Helem: ha-Targil shel Yisrael le-hakim mif’al Kipat Barzel be-Germania), Nachrichtenagenturen (Suchnuyot ha-Yediah), 29.08.2026.

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