3. September 2026

Ein Lied geht um die Welt: Joseph Schmidt

Leo Blech zum Tenor: Schade, dass du nicht klein bist. Joseph Schmidt maß 1,54 Meter, kam aus der Synagoge ins Radio – und sang 1934 in Tel Aviv. Sogar Menschen auf der Straße wollten ihn hören.

In einem Kommentar zu meinem Beitrag Noten gegen das Schweigen erinnerte mich Gudrun Eussner an Joseph Schmidt. Er war nur 1,54 Meter groß und daran scheiterte die Opernkarriere, die seiner Stimme zugestanden hätte. Als der Dirigent Leo Blech den jungen Tenor zum ersten Mal hörte, soll er gesagt haben: „Schade, dass du nicht klein bist.“ – „Aber ich bin klein.“ – „Nein, du bist nicht klein, du bist zu klein“ (World ORT, Music and the Holocaust). Joseph Schmidt, 1904 im bukowinischen Dorf Dawideny geboren, in Czernowitz aufgewachsen, wurde deshalb etwas anderes: der erste Weltstar, den das Radio hervorbrachte.

Vom Chasan zum Rundfunktenor

Seine musikalische Schule war die Synagoge. Ab dem zwölften Lebensjahr sang er in den Chören von Czernowitz und Radautz, 1926 wurde er Kantor am dortigen Tempel (Hebräische Wikipedia). Ab 1925 studierte er Gesang in Berlin bei Hermann Weißenborn; entdeckt vom Rundfunkmann Cornelis Bronsgeest, sang er zwischen 1929 und 1933 in 38 Rundfunkopern und wurde über die Lautsprecher zum gefeierten Tenor, ohne je eine Bühne dafür zu benötigen (Deutsche Wikipedia)). Seine Konzertprogramme bestanden meist zur Hälfte aus kantoraler Musik, zur anderen aus neapolitanischen Liedern und Opernarien (World ORT). 1933 machte ihn der Film „Ein Lied geht um die Welt“ endgültig berühmt – im selben Jahr, in dem ihm der Zutritt zum Berliner Funkhaus verwehrt wurde, wenige Tage nach seinem letzten deutschen Rundfunkauftritt am 20. Februar 1933.

Zwei Wochen Palästina, 1934

Ein Jahr später reiste er nach Palästina, angekündigt auf den Plakaten als „Flüchtling aus Deutschland“ (haGalil). Die Tournee dauerte rund zwei Wochen: fünf Konzerte in Tel Aviv, Auftritte in Ein Charod und weiteren Orten, dazu ein Besuch an der Klagemauer; vor jüdischem Publikum sang er auch aus dem kantoralen Repertoire (Hebräische Wikipedia). Andere Berichte nennen zusätzlich Haifa und Jaffa (Opera Nostalgia).

Die Karten waren sofort ausverkauft. In Tel Aviv sang er in einem Zeltauditorium – und in der Nacht vor einem Konzert schlugen Leute, die sich kein Ticket leisten konnten, kurzerhand die Fenster ein, um am nächsten Tag von der Straße aus mitzuhören (haGalil). Am Hafen empfing ihn sein 1933 emigrierter Freund Max Schmidt; trotz der Hitze stieg der Sänger in schwerem schwarzem Pelzmantel und dickem Schal vom Schiff und legte beides während des ganzen Aufenthalts nicht ab, aus Angst vor einer Erkältung. In Tel Aviv traf er Chaim Nachman Bialik, mit dem er fließend Hebräisch sprach; Bialik soll ihm gesagt haben: „Du, Jossele, bist wie das Land Israel: klein – aber geliebt.“

Beeindruckt hatten ihn vor allem die Arbeiter und Kibbuzniks, die direkt von den Feldern in seine Konzerte kamen. Einem Wiener zionistischen Blatt erzählte er danach vom „neuen Menschen“, der hier entstehe, und von seinem Traum, in einigen Jahren in Palästina zu leben (Opera Nostalgia). Er kaufte einen Hain, doch sein Manager und Onkel Leo Engel stoppte die Auswanderungspläne: Der Star gehöre nach Europa.

Das Ende

Es blieb bei Europa. Nach Konzerten in der Carnegie Hall, Stationen in Brüssel und der Flucht durch Frankreich starb Joseph Schmidt am 16. November 1942, 38 Jahre alt, im Schweizer Flüchtlingslager Girenbad bei Hinwil – an unterlassener Hilfeleistung. Geblieben ist eine Stimme, die genau das tat, was ihr Titellied versprach.

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