2. September 2026
Die Frau, die als Königin gesehen werden will
Ein Interview sollte Sara Netanjahus Bild zurechtrücken. Es führte zurück zur Residenzenaffäre, zu Klagen ehemaliger Beschäftigter und zu einer Biografie jenseits der Schlagzeilen.
Sara Netanyahu ist in Israel wieder Thema. Anlass ist ein anderthalbstündiges Gespräch, das die Ehefrau des Ministerpräsidenten dem Sender Arutz 14 (Kanal 14) gab und das eigentlich ihr Bild in der Öffentlichkeit korrigieren sollte. Der Auftritt hatte den gegenteiligen Effekt: Zwei der größten israelischen Nachrichtenportale, Ynet und Maariv, bewerteten ihn als Selbstbeschädigung. Für einen deutschsprachigen Blick auf ihre Person lohnt sich der Umweg über die Biografie.
Herkunft und Beruf
Geboren wurde sie 1958 als Sara Ben-Arzi in Kirjat Amal, als Tochter von Chava und Schmuel Ben-Arzi. Ihre Brüder sind der Mathematikprofessor Matanja Ben-Arzi, der Bibelwissenschaftler Chagai Ben-Arzi – der nach scharfer Kritik am Hebron-Abkommen mit der Familie brach – und der frühere Kampfpilot Amazja Ben-Arzi. Schon mit 16 Jahren schrieb sie als Jugendkorrespondentin für das Wochenblatt „Maariv LaNoar“, unter anderem eine Kolumne über „Probleme des Friedens“. Ihren Militärdienst leistete sie als Diagnostikerin beim Militärnachrichtendienst Aman (militärischer Geheimdienst der israelischen Armee), wo sie Soldaten für Kurse und Spezialeinheiten beurteilte. Später arbeitete sie als Flugbegleiterin bei El Al – dort begegnete sie Benjamin Netanyahu.
Beruflich war Sara Netanyahu über Jahrzehnte Psychologin im öffentlichen Dienst der Stadt Jerusalem, tätig an den Schulen „Noam Banim Ramot“ und „Beit Chana Chabad“. Nach Angaben des Likud stand sie 26 Jahre im Dienst der Öffentlichkeit, davon 22 Jahre als Fachpsychologin für Kinder.
Familie
Ihre erste Ehe schloss sie 1980 mit Doron Neuberger, einem Mitglied des Kibbuz Ga'asch; sie wurde nach sieben Jahren geschieden. Im März 1991 heiratete sie den damaligen Knesset-Abgeordneten und Vizeminister Benjamin Netanyahu – schlicht, im Beisein von Ministerpräsident Jitzchak Schamir und mit nur 25 Gästen. Aus der Ehe stammen die Söhne Jair und Awner; Noa Roth aus Netanyahus früherer Ehe ist ihre Stieftochter. 2002 erwarb das Paar eine Villa in Caesarea für 1,8 Millionen US-Dollar; die jährlichen Kosten ihres Personenschutzes werden auf rund 2,3 Millionen Schekel (derzeit rund 656.142 Euro) geschätzt.
Der juristische Schatten
Prägend für ihr öffentliches Bild wurde die „Parschat ha-Me'onot“ (Residenzenaffäre). Ursprünglich war Sara Netanyahu wegen Betrugs unter erschwerenden Umständen sowie Untreue angeklagt: Für die Amtsresidenz seien Fertigmahlzeiten für mehr als 350.000 Schekel (99.855 EUR) auf Staatskosten bestellt worden, obwohl dort eine Köchin beschäftigt war. In einem Plea Deal gestand sie den milderen Tatbestand der „vorsätzlichen Ausnutzung eines Irrtums ohne Betrug“, bezogen auf 175.000 Schekel. Das Amtsgericht Jerusalem sprach sie schuldig; sie zahlte 45.000 Schekel (12.838 EUR) Rückerstattung und 10.000 Schekel (2.853 EUR) Geldstrafe. Ihr Anwalt Jossi Cohen sprach von einer vierjährigen „absurden Jagd“, ihr Mann schrieb ihr: „Meine geliebte Sara, ich umarme dich.“ Sie selbst sagte vor Gericht: „Ich habe genug gelitten.“
Dazu kommt eine über 25 Jahre reichende Kette arbeitsrechtlicher Verfahren ehemaliger Beschäftigter – von der Hausangestellten Lilian Peretz bis zum Hausverwalter Meni Naftali, dem das Arbeitsgericht eine Entschädigung zusprach. Zuletzt verlangte eine 24-jährige charedische (ultraorthodoxe) Hausangestellte 225.000 Schekel Schadensersatz. Nicht jeder Vorwurf wurde bewiesen, und in mehreren Fällen war nicht sie persönlich beklagt; ihr Umfeld nennt die Klagen „recycelt“ und Erpressungsversuche im Verbund mit der Zeitung „Jediot Acharonot“.
Das Interview und seine Folgen
Im jetzigen Gespräch mit der Moderatorin Tal Meir erklärte Sara Netanyahu, man kenne nicht sie, sondern „eine konstruierte, erfundene, verzerrte Gestalt“. Für Schlagzeilen sorgte dann ihre Andeutung über den Oppositionspolitiker Jair Golan, der am 7. Oktober 2023 „angekleidet und bereit, zu sehr, sehr früher Stunde“ am Ort des Massakers gewesen sei, „als andere es nicht wussten, etwa der Ministerpräsident“. Golan kündigte eine Verleumdungsklage an. Weiter sagte sie, ein großer Teil der Regierungsgegner wolle ihren Mann nicht nur stürzen, sondern töten, und Brandstifter nahe der Residenz hätten gehandelt, „damit alle vielleicht erstickten und starben“.
Die Ynet-Kolumnistin Einav Schiff sah darin eine „dampfende, abgeschlossene Blase aus Verschwörungen und Opferhaltung“. Miki Levin schrieb in Maariv, hier habe eine Frau in einer Position der Macht ihre Geschichte aus der Position des Opfers erzählt – und resümierte: „Ein Palast, nur ohne Königreich, ohne Krone und ohne Königin.“ Beide Blätter kommen zum selben Befund: Sara Netanyahu wollte, dass Israel sie zu ihren Bedingungen kennenlernt. Nun muss die Öffentlichkeit mit den Folgen umgehen.
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Foto: Regierungspressebüro, Avi Ohajon
Quellen:
Ynet, „Bei Frau Netanyahu arbeiten: ‚Sara rannte auf uns zu, mit den Händen tobend, schreiend und an den Haaren ziehend‘“, 07.08.2026
Walla Celebs, „Zu ihrem 66. Geburtstag: 10 Fakten, die Sie über Sara Netanyahu nicht wussten“, 05.11.2024
Ynet, „Sara Netanyahu strafrechtlich verurteilt: ‚Unangemessene Verwendung öffentlicher Gelder‘“, 16.06.2019
Globes, „‚Vorsätzliche Ausnutzung eines Irrtums ohne Betrug‘: Sara Netanyahu strafrechtlich verurteilt“, 16.06.2019
Maariv, „‚Die Gnädige hat sich charedische Dienstmädchen gesucht‘: Zivilklage gegen Sara Netanyahu eingereicht“, 25.11.2025
Ynet, „Die erschreckende Blase der Sara Netanyahu“ (ha-Bu'a ha-mavhila schel Sara Netanjahu), Einav Schiff, 01.09.2026
Maariv, „‚Wir werden alle ohne ihn sterben‘: Die erschütternden Worte der Sara Netanyahu“, Miki Levin, 01.09.2026
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