23. September 2026
Die Anfänge liegen hinter uns
Der Kanzler gesteht ein, was Jüdinnen und Juden längst wissen. Der Berliner Bischof sorgt sich nach der Wahl auch – aber nur in eine Richtung.

Manchmal ist schon ein einziger Satz ein Fortschritt. Am Tag nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sagte Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin: „Dass jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr sicher ist, das ist die schwerste Hypothek der letzten Jahre.“ [1][2]
Das Ende einer Floskel
Jahrelang hörten wir diesen Satz in einer anderen Form: Jüdisches Leben in Deutschland müsse sicher sein. Er fiel an Gedenktagen, nach Anschlägen, in Sonntagsreden. Auf diese Floskel hin ist nie etwas geschehen. Sie beschrieb einen Wunsch, als wäre er bereits ein Zustand.
Nun spricht der Kanzler aus, was Jüdinnen und Juden in diesem Land längst wissen: Sie sind auf deutschem Boden gefährdet. Merz nannte ausdrücklich Berlin, wo seit einigen Monaten ein „zunehmender radikaler, offen vorgetragener Antisemitismus“ zu erleben sei, „der hier auch geradezu mit Beifall in Berlin begrüßt wird“. Was seit dem 7. Oktober 2023 auf Straßen und Plätzen möglich geworden sei, nannte er „eine Schande für Deutschland“. [2]
Ein Eingeständnis ist noch keine Politik. Aber ohne ein ehrliches Lagebild gibt es auch keine. Insofern: immerhin.
Wehret den Anfängen?
Eine andere Floskel gehört zu den jährlichen Gedenktagen wie der Kranz zur Gedenkstätte: „Wehret den Anfängen.“ Eigentlich dürfte sie niemand mehr sagen. Wer heute, knapp drei Jahre nach dem 7. Oktober, wenige Tage nach dem Brandanschlag auf die Wuppertaler Synagoge und angesichts von Polizeischutz vor nahezu jeder jüdischen Einrichtung von Anfängen spricht, hat nicht hingesehen. [3] Die Anfänge liegen weit hinter uns.
Der Bischof und das eine Auge
Ganz anders klingt der evangelische Bischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein. Nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus erklärte er: „Eine breite Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner hat bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus für die liberale Demokratie und eine weltoffene und vielfältige Gesellschaft gestimmt. Gleichwohl muss es uns besorgen, dass mit der AFD eine extremistische, in Teilen rechtsextreme Partei drittstärkste Kraft wird. Wir sind als Kirche dem christlichen Menschenbild und der Würde jedes Menschen verpflichtet.“ [4]
Die Sorge über die AfD, die nach dem vorläufigen Ergebnis auf 16,3 Prozent kam, ist berechtigt. [5] Doch stärkste Kraft wurde mit 25,7 Prozent die Linke – und die erwähnt der Bischof mit keinem Wort. [5][6] Er rechnet sie stillschweigend jener „weltoffenen und vielfältigen Gesellschaft“ zu. Von der Würde der jüdischen Menschen auf dem Gebiet seiner Kirche ist in dieser Erklärung keine Rede.
Dabei ist das, was über die Berliner Linke bekannt ist, kein Geheimnis. Im Oktober 2024 verließen Klaus Lederer, Elke Breitenbach und weitere bekannte Mitglieder die Partei nach einem Eklat um einen Antisemitismus-Antrag auf dem Landesparteitag. Ahmed Abed, Kandidat der Linken für das Neuköllner Bezirksbürgermeisteramt, nannte 2025 den Bürgermeister der israelischen Partnerstadt Bat Jam einen „Völkermörder“. Und auf der Neuköllner Wahlparty ließ sich der Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak mit einem Vertreter einer Vereinigung fotografieren, die der Verfassungsschutz dem Umfeld von Hamas und PFLP zuordnet. [6] Der Zentralrat der Juden warnt SPD und Grüne vor einer Regierung mit dieser Partei. [6] Selbst Grünen-Chef Felix Banaszak verlangte von der Linken „ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus“. [5]
Zum wievielten Mal spricht ein leitender Kirchenmann nur gegen den Rechtsextremismus – und schweigt über den Judenhass, der sich links oder im Namen Palästinas äußert?
Zu spät, zu allgemein
Erst nach öffentlicher Kritik – auch aus der Pfarrerschaft und in einem offenen Brief des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Berlin/Brandenburg – legte Stäblein am Dienstag nach. [7][6] Er forderte, den Kampf gegen Antisemitismus nach Brandenburger Vorbild in die Berliner Verfassung aufzunehmen, und sagte: „Antisemitismus ist Sünde, links oder rechts, immer.“ [8]
Der Satz ist richtig. Aber er kommt zwei Tage zu spät, er nennt die Partei wieder nicht beim Namen, und er reicht die Aufgabe an Senat und Abgeordnetenhaus weiter – an einen Senat, den womöglich genau diese Partei anführen wird. Die „Würde jedes Menschen“, von der am Wahlabend die Rede war, galt offenbar zuerst den anderen.
Es ist eine seltsame Lage, wenn ein Kanzler klarer über die Gefährdung jüdischen Lebens spricht als ein Bischof. Eine Kirche, die aus ihrer eigenen Geschichte weiß, wohin das Schweigen führt, sollte nicht erst auf Druck merken, dass es auch ein linkes Auge gibt.
Quellen
1. tagesschau.de, Liveblog nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, 21.09.2026.
2. Momir Takac, „Eine Schande für Deutschland“: Merz offenbart nach Wahl-Debakel, was ihn aktuell am meisten besorgt, Merkur, 21.09.2026.
3. Brandanschlag auf Synagoge Wuppertal, Jüdische Allgemeine, September 2026.
4. EKBO, Instagram-Beitrag von Bischof Christian Stäblein zur Berlin-Wahl, September 2026; ferner: AfD und Linke sind die Wahlgewinner, evangelisch.de, 20.09.2026.
5. Vorläufiges Ergebnis: Linke ist klare Gewinnerin der Berlin-Wahl, tagesschau.de, 21.09.2026.
6. Cornelia Seibeld, Offener Brief: Wehret den Anfängen gilt auch links, Bischof Stäblein!, Jüdische Allgemeine, 22.09.2026.
7. Bischof Stäblein: AfD-Erfolg in Berlin ist besorgniserregend, IDEA, 21.09.2026.
8. Änderung der Landesverfassung: Berliner Bischof schlägt Lösung für Antisemitismus-Problem der Linken vor, Tagesspiegel, 22.09.2026.
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