30. August 2026
Das geteilte Amen
Zwölf Flüche, zwölfmal die Antwort des Volkes. Christen sprechen dasselbe Wort. Meist überhören sie, dass ein Teil Israels es bewusst nicht mitspricht. Ein Versäumnis?
Mein Beitrag zum Wochenabschnitt Ki Tawo (5. Mose 27,11–26) in der Reihe „Das Echo der Weisung“ beleuchtet das „Amen“ als verbindendes und zugleich unterscheidendes Wort zwischen Judentum und Christentum. Ausgehend von der Szene in 5. Mose 27, in der Israel auf die zwölf Flüche mit „Amen“ antwortet, erklärt er dessen ursprüngliche Bedeutung: kein bloßer Schlusspunkt, sondern Zustimmung, Verpflichtung und gemeinschaftliche Verantwortung. Daraus entwickelt die jüdische Tradition das Prinzip der gegenseitigen Bürgschaft.
Im christlichen Gottesdienst lebt diese Antwortstruktur weiter: Das Amen macht das Gebet der Gemeinde zu ihrem eigenen. Zugleich entsteht eine Trennung, weil Christen Jesus als das „Amen“ Gottes verstehen, während das Judentum diese Deutung nicht teilt. Mit Peter von der Osten-Sacken plädiere ich dafür, dieses „ungesagte Amen Israels“ nicht als Mangel oder Verstockung zu deuten, sondern als begründete, eigenständige Glaubensentscheidung. So wird das Amen zum Bild eines respektvollen Miteinanders: getrennt in der Überzeugung, aber verbunden durch gemeinsame Wurzeln und Verantwortung für eine gerechtere Welt.
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