10. Mai 1942. 70 Jahre Deportation der Thüringer Juden

Das Thüringer Netzwerk „10. Mai 1942. 70 Jahre Deportation der Thüringer Juden“ hat ein vielseitiges Programm mit Veranstaltungen des Informierens, Erinnerns, und Trauerns zusammengestellt: 

Deportation nach Belzyce 9./10. Mai 1942. Tage des Gedenkens an die Ermordung der Thüringer Juden

Das Programmheft kann als digitales Flipbook betrachtet werden:

Tage des Gedenkens

„Ein tödlicher lyrischer Schlag gegen Israel“?

Ein staatlich kontrollierter iranischer Fernsehsender lobte den Nobelpreisträger. Günter Grass sei „ein tödlicher lyrischer Schlag gegen Israel gelungen“. Poesie als Waffe? Die Zeiten von „Agitprop“ sind glücklicherweise vorbei; große Kunst kam selten heraus. Aber die Iraner haben eines richtig verstanden: Günter Grass will als Dichter, nicht als Leitartikler gehört werden. Mit Recht äußerte sich daher die Politikerin Angela Merkel nicht zu dem Gedicht „Was gesagt werden muss“. Sie verwies vielmehr auf „die Freiheit der Kunst“.

Als politischen Kommentar könnte man den Beitrag des 84-Jährigen nicht durchgehen lassen. Dazu ist er allzu sehr von Ahnungslosigkeit durchzogen. Günter Grass wird keinen einzigen Beleg für das vorbringen können, was ihm „offensichtlich“ scheint, nämlich dass die Regierung Israels „das behauptete Recht auf den Erstschlag“ einlösen und das „iranische Volk auslöschen“ will. Umgekehrt jedoch, für das Vorhaben des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, „das zionistische Gebilde“ von der Landkarte zu fegen, gibt es Willensäußerungen übergenug. Es gehört schon chuzpe dazu, dies zu ignorieren oder als irrelevant, weil aus dem Munde eines „Maulhelden“ kommend, anzusehen: Herr Grass, auch Adolf Hitler war ein Maulheld!

Und „das allgemeine Verschweigen“, das vermeintliche Verbot, „ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel“ nicht zumuten zu dürfen, das Günter Grass „mit letzter Tinte“ aufbrechen zu müssen meint, um „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, den allein Israel „gefährdet“, zu retten? Der Nahostkonflikt und die Politik der israelischen Regierung wird bei uns mehr diskutiert als jede andere Krise, mehr auch als das derzeitige Blutvergießen in Syrien, das anzuprangern sich ein Günter Grass stets zu schade bleiben wird. In einer von der EU 2003 in Auftrag gegebenen Umfrage sahen 59 Prozent der Befragten (in Deutschland sogar 65 Prozent) in Israel eine Gefahr für den Frieden in der Welt; Israel führte damit die Rangliste der als gefährlich eingeschätzten Staaten noch vor Iran und Nordkorea an. Musste Grass wiederholen, was die Deutschen längst zu wissen glauben? 

Als Lyrik freilich werden wir für den Text noch dankbar sein. Denn er wird Schullektüre werden. Wenn die Generation mit SS- und NS-Vergangenheit dahingegangen sein wird, werden Schüler an Günter Grass beispielhaft erarbeiten, wie diese ihr Leben, „von nie zu tilgendem Makel behaftet“, verarbeitet hat. Rainer Werner Fassbinder schrieb 1975 im Drama: „Der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen. … Das ist kein Witz. So denkt es in mir.“ Drum dachte es 2012 in Günter Grass nicht mehr – so wird es in einer Klassenarbeit heißen – „Die Juden sind unser Unglück“, wie der Antisemit Heinrich von Treitschke 1879 verkündete, sondern: „Israel ist unser Unglück“.

Als „Kommentar“ erschienen in „Glaube + Heimat“, Mitteldeutsche Kirchenzeitung, Ausgabe vom 14. April 2012

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